Montag, 15. Oktober 2012

MONTAGsGRUSS

"Kleinod"

Neulich habe ich gelesen, dass das Wort "Kleinod" Gefahr läuft, aus unserer Sprache zu verschwinden. Schade. Finde ich.
Ich habe nämlich ein Kleinod und ich finde, das Wort passt sehr gut dazu...


Dieser kleine Mokkalöffel lag viele Jahre in der Schublade eines alten Küchentisches.
Der Küchentisch stand in der kleinen Küche meiner lieben Großtante Helene.
In dem Haus, in dem diese Großtante lebte, wohnten auch meine Großeltern. Und auch meine Familie, wenigstens in den ersten Jahren meiner Kindheit.
Die Jungen unterm Dach, die älteren in den Stockwerken darunter.
Hin und wieder ging ich die vielen Treppenstufen hinunter um meine Großtante Helene zu besuchen.
Manchmal traute ich mich dann, ich hatte viel Respekt vor ihr, sie zu fragen, ob ich einen Becher Yoghurt bei ihr essen dürfe...
Und manchmal wagte ich auch noch hinzuzufügen, ob ich den Yoghurt mit "dem kleinen Löffel" essen dürfe...
Damit meinte ich diesen einen, einzigen sooo zwergenwinzigkleinen Silberlöffel in der Küchenschublade, in der das Besteck aufbewahrt wurde... sicherlich könnt ihr verstehen, dass der Yoghurt mit diesem Löffelchen gelöffelt 1000 mal besser schmeckte, als wenn ich ihn mit einem der anderen, x - beliebigen Teelöffel gegessen hätte!
Stets war mir die liebevolle Antwort gewiss: "Aber ja doch, mein Kind!"
Und mit Andacht und Silberlöffelchen wurde der Yoghurt verzehrt.

Irgendwann wollte ich wohl auf Nummer sicher gehen, was die Zukunft dieses winzigen Silberlöffels anging, denn ich fasste mir ein Herz und fragte:
"Tante Helene, wenn du mal tot bist, kann ich dann wohl diesen Löffel erben?"
Hoppla, das war wohl sehr direkt. Ja, aber wie hätte ich kleine Maus es denn auch anders fragen sollen?
Aber ich hatte Glück: Ich erhielt das Versprechen. Das war doch sehr beruhigend.

Eines Tages hat sie in mir dann doch geschenkt, die liebe Großtante Helene.
"Da mach ich dir doch lieber eine Freude, solange ich noch lebe!" hat sie gesagt und mir das Löffelchen gegeben.
Wie habe ich jubiliert und stolz das Kleinod in die Dachwohnung getragen!

Meine liebe Großtante Helene lebt schon lange nicht mehr.
Aber die Erinnerung an sie lebt weiter, mit diesem kleinen Silberlöffel.
Inzwischen sind ein paar andere kleine Silberlöffelchen dazu gekommen, sammeln nennt man das.
Aber mit keinem, wirklich gar keinem schmeckt der Yoghurt so gut, wie mit diesem zwergenwinzigen Mokkalöffelchen meiner Großtante Helene!

Habt ihr auch ein Kleinod, etwas, an das euer Herz hängt, auch wenn es für andere Leute unscheinbar ist?  Vielleicht hat meine kleine Erzählung dich an so ein Kleinod erinnert... das wäre doch schön!

herzliche Herbstgrüsse, 
schickt euch
die JULE
*

PS: ich hab mich sehr gefreut über eure lieben Kommentare zum letzten Montagsgruss!!! Danke!!!

Kommentare:

  1. Eine schöne Geschichte und ja, ich habe auch das ein oder andere Kleinod, das ich hüte. Einige wohnen in meinem Setzkasten, andere sind in Gebrauch. Ich mag generell lieber Dinge mit Geschichte als neu gekaufte.
    Einen lieben Gruß von der Maus

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  2. Liebe Jule!
    Oh, so eine schöne Geschichte! Nein so ein Kleinod, dass auch riesigen ideellen Wert hat, besitze ich nicht. Nur eine ähnliche Geschichte. Bei der Oma durften wir manchnmal eine Butterstulle mit Zucker bestreut essen. Nie wieder hat es so gut geschmeckt, wie damals :-)
    Viele liebe Grüße Urte

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  3. Hallo liebe Jule,
    ach ist das eine schöne Geschichte.
    Leider fällt mir kein Kleinod ein. Ich habe zwar viele alte Sachen, aber das ist alles vom Flohmarkt. Wahrscheinlich steckt so manche Geschichte in diesen Dingen. Aber so schön erzählen wir du können sie ja leider nicht!

    Liebes Grüßle von Tanja

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  4. Hej Jule,
    eine ganz rührende Geschichte!
    Mir fällt so auf Anhieb nix ein, werde aber mal überlegen!
    Ein sehr schöner Post!
    ♥lichst
    Manuela

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  5. Liebstige Jule,
    dein Großtante-Helene-Löffel ist eindeutig ein wunderbares Kleinod und der weltbeste für Yoghurt! Übrigens, zu den bedrohten Wörtern bekam ich vor kurzem einen Link - vielleicht interessiert's dich ja: http://forschungsgruppe-kunst.blogspot.de/2012/08/rette-ein-bedrohtes-wort-ab-august-2012.html
    Kleinod steht auf der Liste gar nicht drauf, das habe ich dort dann auch gleich "urgiert" - weil ich das Wörtchen ebenfalls für ein Kleinod halte - und erfahren, dass da eben nur eine subjektive Wahl getroffen wurde ("Wir hatten eine Liste von über 200 Wörtern erstellt und uns dann auf eine Reduzierung von 36 verständigt. Aus unserer Sicht können viele Paten mit einer begrenzten Wortzahl mehr bewirken und das Wort hat dadurch eine höhere Überlebenschance.") und dass die Aktion regional auf Rostock begrenzt ist, aber ich denke, wir Bloggeretten können beim Retten von Wörtern schon einiges selber auf die Beine stellen :o))
    Was meine persönlichen Kleinodien betrifft, da fallen z.B. die Spitzen- und die Autofahrerhandschuhe meiner großen Oma darunter, die stelle ich gerade in meinem aktuellen Post vor :o))
    Viele liebe Küschelbüschel, Traude

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  6. Liebe Jule,
    so eine Rubrik gibt es in der ZEIT, die lese ich sehr gern und finde da auch immer mal wieder Begriffe meiner Großeltern oder aus der früheren DDR-Geschichte wieder, die es lohnt zu pflegen und zu bewahren.
    Deine Löffelchengeschichte ist herzallerliebst und würde bestimmt noch mehr Leute erfreuen. Solltest Du vielleicht mal ein Buch schreiben?
    Ich wünsch Dir einen sonnigen Tag
    Ganz liebe Rosaliegrüße und ein dickes Drückerchen

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  7. eine herrliche geschichte... wirklich schön! danke!
    ♥lichst, marika

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  8. Liebste Jule,
    ich bin gerührt, aber sowas von ;o)!Habe gerade vor mir ein kleines Mädchen selig und andächtig an einem alten Küchentisch Joguhrt geniessen sehen ;o)!Was für ein herrliche Erinnerung,ganz,ganz herzlichen Dank für´s teilen!!!!Und das Wort "Kleinod" finde ich toll ;o)!Ganz viele, liebe Grüße,Petra ♥

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  9. Liebe Jule,
    was für eine wunderbare Geschichte. Da fühl ich mich selbst auch wieder klein, im Haus meiner Großeltern, dessen Wohlgerüche bis heute mit mir etwas tun, so ein wehmütiges Gefühl kommt da auf.
    Schade, dass wir groß werden und die Demut verlieren vor den kleinen Schönheiten des Lebens und gut, dass es Momente und Situationen sowie Menschen wie Dich gibt, die uns das bewußt machen bzw. ein Stückchen zurückgeben.
    Liebe Grüße von Nina

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  10. Guten Abend liebe Jule, gestern schon vermisst, Abends dann Deinen beruehrenden Post gelesen, mit der lieben Rosalie geschwatzt und dabei das Antworten vergessen.
    Kleinod mit diesem Post lassen wir es wieder aufleben, wie viele andere kleine liebgewonnene Dinge mit Geschichte und Charme. Ich denk jeder hat so seines und wird mit Deinem Post zum Nachdenken angestupst.

    Sei lieb gegruesst

    Kristina die sich auf baldige Urlaubszeit freut

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  11. Liebe treue Jule,
    eine schöne Geschichte, die Du da geschrieben hast.
    Erinnerungen sind doch etwas ganz wunderbares.
    Mmmh ein Kleinod, habe ich auch, es ist mein allerester Silberring, klitzeklein, ein Geschenk von meinen Eltern.
    Es ist schade das die Wertigkeit heutzutage etwas verloren geht.
    Liebe Grüße Sandra

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  12. Ja, die Kleinode! Wunderbar dieses Wort. Und ich bin ganz deiner Meinung: man darf diese Wörter einfach nicht vergessen.
    Und die Sachen dazu - die wirklichen Kleinode dann - sind echte Besonderheiten. Ja, ich habe so einige Kleinode ... einen Anhänger aus Meißener Porzellan in Silber gefasst.

    Deine Geschichte hat mir Gänshaut beschehrt.

    Und dann möchte ich mich ganz lieb für deine Zeilen bei mir bedanken.
    Du sprudelst ja förmlich über vor Begeisterung über diese Autorin, bzw. auch Land.
    Hach, wie verstehe ich dich ... :-))
    Das ist das Schöne am Bloggen: Man/frau begegnet sich lieben die gleichen Sachen.

    Hab's gut! <3lichst, Gisa

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  13. Hallotschi du Liebe, ich nochmal ;o)
    Ich danke dir für deine lieben, amüsanten Zeilen zu meiner "Kemenate" - musste sehr grinsen über "das einzige heiße Frauenzimmer in der Burg" (ich dachte immer, in unserer Burg wäre ICH seit dem Auszug meiner Tochter das einzige heiße Frauenzimmer ;o))))
    Und ja, meine Oma und ihre Handschuhe. Ich glaube, das war ein Tick von ihr. Sie war keine wirklich elegante Dame, aber sie wäre gern eine gewesen, und Handschuhe sowie Kronleuchter und Augartenporzellan gehörten in ihren Augen einfach zu einer Dame dazu ;o)) Für sie hat's eine Illusion genährt, was ja ein legitimer Weg zu einem Leben ist, das sich gut anfühlt, und für mich sind das nun schöne Erinnerungsstücke.
    Ganz liebe Rostrosengrüße und Traudeküschelbüschel :o))

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