Montag, 25. März 2013

MONTAGsGRUSS

WEISS-MACHEN

Was für ein Tag. Ich brauche dringend eine kleine Auszeit bevor ich nach Hause gehe. Einen Cappuccino vielleicht in meinem Lieblingscafé. Nicht so einen "to go", nein, einen "to stand". Am Tresen ist noch was frei. Wunderbar. Neben mir steht eine ältere Dame. Ihr Teeglas ist beinahe leer.

Als die Tasse mit dem heißen Cappuccino vor mir steht, reiße ich das Zuckerbriefchen auf und lasse den Inhalt behutsam hinein rieseln. Ich mag es, wenn er sich beinahe auflöst und dann schwer durch den weißen Milchschaum hinunter sinkt. Jetzt eine Löffelspitze mit süßem Milchschaum auf der Zunge zergehen lassen. Wie lecker. Jeder hat so seine Rituale, oder?
Ich warte noch etwas, dann rühre ich langsam in der Tasse. Der Milchschaum bekommt ein zartes Marmormuster aus Kaffee.
Ich schaue nach draußen. Das darf wirklich nicht wahr sein, oder? Alles ist weiß.
Es schneit immer noch.

Ich schüttle entnervt den Kopf. Halb zu mir selber, halb zu meiner Nachbarin sage ich:
" ' wollen uns weismachen, es sei Frühling. Mmh. Erst der meteorologische Frühlingsanfang. Da hatte man ja noch Hoffnung. Und dann der kalendarische. Na toll. Hat auch nix gebracht. Über den Anblick dieser weißen "Pracht" (und ich betone das Wort "Pracht" nicht gerade freundlich) kann mich auch die bonbonfarbene Frühlingsmode in den Schaufenstern nicht hinweg trösten. "
Dann schon eher ein Schluck guter Cappuccino. Was für ein Genuss!
Ich lecke mir vorsichtig mit der Zungenspitze den Milchschaum von der Oberlippe.

Die alte Dame nickt und lächelt vor sich hin. Hat sie mir überhaupt richtig zugehört?
"Weiß machen, meinen Sie?" sie wendet sich zu mir.
Ich schaue sie an. Sie hat ein freundliches Gesicht. Schwer zu sagen, wie alt sie wohl ist. Ich sehe ganz viele, viele kleine Falten, rosige Wangen und feine, weiße kleine Kräusellocken fallen ihr in die Stirn. Ihr Haar ist zu einem vollen Knoten geschlungen und am Hinterkopf festgesteckt. "Sieht altmodisch aus, aber auch sehr schön" denke ich.
"Wie bitte?" frage ich irritiert.
"Weiß machen - das kann ich auch." stellt sie ruhig aber bestimmt fest.
Sie greift in ihre Handtasche und zieht eine  kleine Silberschatulle heraus. Sie öffnet sie, entnimmt ihr eine Visitenkarte und reicht sie mir.


........*........
Hulda Holle
Wetter aller Art
Spinnkunst, Kräuterkunde
etc.
*
....

Ich lese. Ich schaue sie an. Ich lese noch einmal.
"Ach." Mehr fällt mir auf die Schnelle nicht ein. 
Und: "Danke." - ich will ja schließlich nicht unhöflich erscheinen. "Das. Ehm. Das wäre aber wirklich nicht nötig gewesen."murmle ich und schaue hinaus. Dann starre ich wieder ungläubig abwechselnd auf die Visitenkarte in meiner Hand und auf die alte Dame.

Sie lächelt nachsichtig, zahlt, und nimmt ihren Mantel von der Garderobe. 
Im Hinausgehen berührt sie ganz leicht meinen Ärmel. Ich schaue sie an. In ihren Augen blitzt es spitzbübisch auf. "Nicht nötig, meinen Sie?" sagt sie freundlich. "Nun ja. Ich weiß. Aber manchmal." Sie zuckt entschuldigend mit der Schulter. "Manchmal kann ich es eben nicht sein lassen. Ist bald vorbei. Ich verspreche es ihnen." Sie zwinkert mir zu. Dann ist sie hinaus. Ich sehe ihr nach.
Sie verschwindet im Schneetreiben.

"Na, wenn ich ja jetzt ihr Wort habe." flüstere ich, trinke meinen Cappuccino aus und zahle.
Die Visitenkarte stecke ich ein. Man weiß ja nie...

euer Jule


Hoppla, das war ja beinahe eine kleine Blogpause... hatte keine besonderen Grund, es gabt nur nichts zu erzählen, oder das Licht zum fotografieren war noch nicht so wie es es haben wollte.  Aber das ist ja auch das Schöne am bloggen, ich bin zu nichts verpflichtet... herzlichen Dank für die lieben Nachfragen, es freut mich, wenn mich hier im weiten web jemand ein bisschen vermisst... liebe Grüße, eure Jule




Kommentare:

  1. Liebe Jule, das war aber eine schöne Geschichte♥ Ich bin im Moment auch etwas antriebslos. Ich hoffe es legt sich, wenn man mal wieder etwas grün draußen entdecken kann... Bei unserem Lebensmittelhändler ist sogar schon das Vogelfutter ausverkauft..
    Hab eine schöne Woche und sei lieb gegrüßt Puschi♥

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  2. Liebe Jule,
    das ist eine ganz wunderbare Geschichte. Es ist gut, dass du wieder da bist. Von wegen nix zu erzählen! Das ist die Untertreibung der Woche, ach was sag ich, des Monats!

    Grüßle
    Tanja

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  3. Liebe Jule,
    schön, da bist Du wieder.
    Die Geschichte ist so ein bisschen surreal, aber total spannend und besonders.
    Und wenn sie wirklich passiert ist, paßt sie so gut zu dem, wie ich mir Dich vorstelle.
    Liebste Grüße von Nina
    Der Kaffee wird übrigens kalt :-)

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  4. Liebe Jule,
    du kannst ja Leute treffen ;o)!Die Geschichte ist wundervoll, ich habe mich in einem Cafe´erlebt und auch einen leckeren Cappuccino getrunken ;o).....so schön ist es geschrieben, dass man so richtig rein hüpfen konnte ;o)!Herzlichen Dank, für diese tolle Gute-Nacht-Geschichte, die ich jetzt mit in meine TRäume nehme ;o)!Alles Liebe ♥,Petra

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  5. Liebe Jule,

    vielen vielen Dank für diese rührende Geschichte. Irgendwie ist sie unbeschreiblich ... unglaublich schön ... ich seh diesen Augeblick vor mir, als wäre ich dabei gewesen.

    Schön, wieder von Dir zu lesen.

    Nen lieben Gruß von Antje

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  6. Atemlos gelesen, sprachlos.... Was für eine verrückte, zauberhafte, spannende Gänsehaut-Geschichte. Vielleicht gibt es ja doch die Frau Holle.... lg

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  7. Eine zauberhafte Geschichte.
    Sie zaubert ein Lächeln auf mein Gesicht.
    Und der Schnee ist gleich weniger schrecklich.
    Schön.
    Ganz viele liebe Grüße Urte

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  8. Nein, was ist den das für eine entzückende Geschichte, wie im Märchen..... Hast du aber auch Glück. Ich würde dich auf jeden Fall ein wenig als Goldmarie bezeichenen, sicher hast du noch ein bisschen Goldstaub an Dir, wenn man solchen besonderern Wesen begegnet. Alles Liebe Claudia

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