Montag, 29. April 2013

MONTAGsGRUSS

"HENRIETTE" 
oder: alte Liebe rostet nicht

Ich habe eine neue Mitbewohnerin.
Eine feine, sehr nette, ältere Dame.
Wir kennen uns schon lange, nicht eine halbe Ewigkeit, aber doch schon sehr lange.
"Liebchen," sagt Henriette, wenn ich darauf zu sprechen komme,
"Liebchen, ich kannte dich, als du noch sooo klein warst!"
"Liebchen" sagt sie gern zu mir und ich habe nichts dagegen.

Und sie hat ja recht. Es gab Zeiten, da war ich noch sooo klein.
Da konnte ich bequem unter ihrem Nähtisch sitzen, auf dem Pedal,
den Lederriemen abhängen um das Schwungrad als Autolenkrad zu benutzen,
diese Fahrten waren technikbedingt etwas holperig, 
da sich das Pedal ja hin und her bewegte unter meinem Kinderpopo...

Henriette war die Nähdame meiner Großmutter.
Nicht das meine Oma eine enthusiastische Näherin gewesen wäre.
Aber eine Nähmaschine ist praktisch und gehörte wohl dazu. 

"Henriette von Anker" wäre wohl ihr vollständiger Name.
Über ihr Alter schweigt sie sich vornehm aus.
Ich habe versucht es zu recherchieren, aber da hat bislang das Internet 
schmählich versagt. Ich vermute, sie wohnte seit den 30er Jahren bei meiner Oma.

Henriette ist auf Zack sag ich euch, sie beherrscht Geradeaus genauso wie Zickzack, 
kaum erwähnenswert, dass die Stichlänge den Nähwünschen angepasst werden kann.






Sie kann nähen und stopfen.



Henriette hat auch innere Werte...




und ein Sortiment an Nähfüßchen hat sie auch noch, z. B. Reißverschluss - Füßchen z. B. 
Ja, meine Dame ist unglaublich!

Ein Rätsel war mir allerdings, wie ich Henriette einfädeln sollte.
Klar, durch das Nadelöhr und die zwei Schritte davor waren nicht schwer, 
aber um welche der beiden Dinger mit den Spiralfedern hier bitte schön soll es gehen?
Probieren, probieren, probieren.... stöhn,
Henriette, nun sag schon, wo geht's lang?
Aber meine alte Dame schwieg...

aber irgendwann hatten wir beide es geschafft.


 Psst, noch ein Blick unter den Rock, sozusagen...


Die Unterfadenspule sieht heutzutage eigentlich  beinahe immer noch so aus, oder?



Na, dann, Henriette, legen wir mal den Riemen auf!


Dein goldener Pfeil weißt mir die richtige Schwungrichtung... danke!



- So, Henriette, jetzt kann es endlich losgehen, was meinst du?
"Liebchen..." hüstelt Henriette .
- Ja? frage ich höflich.
"Liebchen, du hättest nicht zufällig noch was aus dem kleinen Fläschchen,
nur so einen ganz, ganz kleinen Schluck?"
- Fläschchen? ich überlege. Fläschchen.... Meinst du das Nähmaschinenöl?
"Hüstel." pikiertes Schweigen.
- Nähmaschinenöl,  was für ein profanes Wort. Als wenn Henriette einfach nur so eine "Nähmaschine" wäre, die geschmiert werden müsste. Unverschämt. Ich merke es schon, das war falsch. Total. 
"Liebchen. Den guten Tropfen von neulich, du weißt schon...." versucht sie es noch einmal.
- Ja, oh, entschuldige, ich laufe, ich eile, ich hole...
"Danke, mein Kind. Weiß du, dann geht es einfach leichter, finde ich."
- sozusagen wie geölt, denke ich, sage aber nichts. Man muss nicht immer sagen, was man denkt, oder?
 "Liebes..." ruft sie mir nach.
Ich drehe mich um, - ja, was ist denn, Henriette?
"Und was nimmst du?" fragt sie. 
- Ich, nehmen, och, ehm...  - ich überlege.... - Eierlikör! antworte ich ihr.
Ich könnte schwören, sie hat mir zugezwinkert....

Also sitzen wir zwei jetzt hier, genehmigen uns noch einen Kleinen, damit es nachher einfach leichter geht.
Henriette und ich.
Hach, ich liebe sie, sie ist so eine Seele von Nähmaschine!

*

Henriette gehörte meiner Oma mütterlicherseits. 
Sie kennt mich, seit ich ein kleines Kind bin. 
Als der Haushalt meiner Großeltern nach ihrem Tod aufgelöst wurde, wollte niemand ausser mir Henriette haben. Sie ist mehrmals mit mir umgezogen, war mein kleiner Schreibtisch, Beistelltisch, stand im Keller, weil es keinen Platz gab für sie, bis ich sie dieser Tage wieder geholt habe. Nach Jahrzehnten  habe ich sie, im wahrsten Sinne, aus der Versenkung geholt. Geputzt, geölt, ein neuer Lederriemen, Rätselraten um das richtige Einfädeln, nun läuft sie wieder, wie geschmiert sozusagen, ich bin begeistert! Alles ohne Elektrik, die Mechanik kann man sehen. Umwerfend. Und weil ich Erfahrungen mit dem Spinnrad hatte, war das gleichmäßige Pedaltreten auch nicht so schwer.
Aber ich stelle fest, dass eine Nähmaschinenbeleuchtung heutzutage eine feine Sache ist - aber das sage ich Henriette nicht....
Morgen zeige ich euch, was wir zwei miteinander gewerket haben. Nix großes, aber ein erstes Winziges.

habt einen schönen Tag,
JULE

Kommentare:

  1. Meine Henriette heißt Minna und steht im Flur. Auch von der Oma, zur Zeit außer Betrieb aber in gutem Pflegezustand, lach
    LG von der Maus

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  2. Oh welch einen Schatz hast Du da!!!! Meine Nähmaschine kann nur geradeausnähen und das aber ganz bravourös!!!! Solche Nähmaschinen mit Zickzack und Stopfen sind selten, da kann die Henriette wirklich stolz sein, daß sie so eine edle Dame ist. Da bin ich doch gespannt, was ihr zusammen gewerkelt habt! Nähmschinenbeleuchtung kannst Du doch mit einer Bücher-Lese-LED-Lampe zum Anklicken ersetzen, die kann man doch auch hinbiegen wie man möchte. Wunderschön....
    LG Tinki

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  3. Das hast du aber schön erzählt, liebe Jule.
    Ein richtiger kleiner Aufsatz! :)

    Meine Henriette hatte keinen Namen, aber lange, lange trampelte ich auf ihr herum. Sie hielt es ohne Murren willig aus.
    Was habe ich für lange Gardinenschals u.a. darauf genäht - das war richtiges Beintraining! :))

    Schade, bei all den letzten Umzügen musste sie weichen, der modernen Technik und dem Platzmangel. Manchmal weine ich ein stilles Tränchen nach ihr - und ärgere mich, dass ich nicht doch einen Weg gefunden habe, sie zu deponieren.
    Aber es ging einfach nicht ...

    So freut es mich hier davon zu lesen.
    Danke auch für deine Mail, über die ich mich so gefreut habe - und die mir sehr aus dem Herzen schreibt. Sobald als möglich wirst du Antwort haben.

    Nun sei recht lieb gegrüßt. Hab eine gute Woche!
    <3lichst, Gisa

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  4. Es macht wirklich Freude, Deine Geschichtchen zu lesen und dabei in eigenen Erinnerungen zu schwelgen.
    Auch ich kannte so eine ältere Dame. Sie war zwar nicht so auf Zack, wie Deine Henriette, sondern eher geradlinig, doch ich kann mich noch gut erinnern, wieviel Spaß ich als Kind mit ihr hatte beim Pedaltreten. Leider hat sie schon das Zeitliche gesegnet.

    Danke für die schönen Erinnerungen!

    LG Rosi

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  5. Liebe Jule,

    jetzt bin ioch gerade ziemlich froh, dass mein Erbstück nicht mitlesen kann, wie höflich und zuvorkommend Du zu Henriette bist. Es würde wahrscheinlich weglaufen.

    Meine Urgroßmutter war Weißnäherin. Leider habe ich sie nie kennenlernen dürfen. Ihre Nähmaschine stand immer bei meiner Großmutter und da meine Mutter und ich als Einzige auch nähen, wurde sie mir automatisch vererbt.

    Seitdem ist sie mehrfach mit mir umgezogen, ich hab aber nie auf ihr genäht ... wüsste nicht einmal, ob sie noch funktioniert. Der Riemen fehlt, aber das war gut so, denn beide Kinder liebten den Platz unter ihr und konnten so ungefährlich treten und drehen.

    Und den nächsten Umzug macht sie wieder mit. Vielleicht sollte ich sie doch mal ausprobieren, meine Tochter würde sich inzwischen sehr darüber freuen.

    Vielen Dank für Henriettes und Deine wunderschöne Geschichte.

    Nen lieben Gruß von Antje

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  6. Liebste Jule,
    das ist eine Herzerwärmende Geschichte,deine Henriette ist eine wahre,historische Schönheit,das ist ja wohl klar.
    Ich freu mich, demnächst zu sehen was ihr Beide gezaubert habt.
    Ich wünsch dir eine wunderbare und kreative Woche.
    Liebe Grüße,Ulli

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  7. Hallo liebe Jule,
    was für eine schöööööööööööööööne Geschichte. Das kannst du einfach wunderbar - Geschichten schreiben! Bin gespannt auf euer Werk!

    Grüßle
    Tanja

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  8. das war eine ganz feine Geschichte♥ Was für das Herz. Ich bin auch schon gespannt, was die Henriette und du so geschafft haben. Ich habe auf so einer Maschine nähen gelernt. Es gibt auch solch schöne kleine alte Nähmaschinenlampen zum anklemmen. Mußt du mal bei *bay oder so gucken. Hab eine schöne Woche, liebe Grüße Puschi♥

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  9. Ach, hast du das toll geschrieben ! Das finde ich einfach großartig, dass du nun Henriette bei dir aufgenommen hast. Bei mir steht auch noch so eine alte Dame - allerdings ist sie von der Vorbesitzerin des Waldhauses. Sogar alle alten Ersatzteile und ein wunderschönes versilbertes Ölkännchen waren dabei !!! Allerdings habe ich NULL Ahnung, wie dieses Ding funktioniert geschweige denn wo man was wie einbaut oder einfädelt !!! *lach* Da hast du meine Bewunderung für deine Geduld. Aber du hast es geschafft und ich bin sicher, dass Henriette und du ein herrliches Gespann werdet und viele schöne Sachen dabei herauskommen !!!
    Hab eine schöne Woche mit GGGGGLG, Christine

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  10. Oh liebe Jule,
    da schmilzt mein Herz gerade dahin, wie rührend Du von Deiner Henriette schreibst.
    Du bist für mich nach wie vor eine begnadete Schreiber und Erzählerin.
    Die herrlich nostalgischen Nähmaschinendamen sind für mich Faszination pur. Nicht nur vom Anschauen her, auch von ihrer Funktion. Wenn man bedenkt was darauf früher alles gezaubert wurde. Wo einem doch heute mit allen Raffinessen das Nähen erleichtert wird. Ich bin schon ganz neugierig was Henriette und Du gemeinsam gewerkelt habt. Hab eine schöne Woche.


    LG

    Kristina

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  11. Ach, Liebchen,
    das hast Du so herzallerliebst erzählt. Weißt Du was? Ich geh mir jetzt auch einen Eierlikeur holen und les die Geschichte nochmal. soooo schön .... seuffz!!
    Liebste Rosaliegrüße

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  12. Was ein schönes Stück. Bin schon sehr gespannt, was ihr beide zusammen hergestellt habt...

    Liebste Grüße zu dir :-)

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  13. Hallo Jule,

    deine "Heriette" kenne ich, oder ihre Schwester? Sie steht bei meiner Mutter im Nähzimmer und lebt schon seit vielen Jahrzehnten da. Auf ihr hat sie einst das Nähen mit der Maschinen gelernt und ab und zu näht sie auch noch darauf. Als Kind faszinierte sie mich sehr und tut es eigentlich heute noch, schön, dass du mich an sie erinnert hast.
    Die Wiege deiner Gögginger Nähgarnes steht quasi bei mir um die Ecke. In diesem Augsburger Stadteil wurde es einst von der Gögginger Nähfadenfabrick Ackermann produziert, heute stehen auf dem Gelände größtenteils Lofts und exclusive Wohnungen.

    Mit liebem Grüßen aus Göggingen
    wünsche ich dir morgen einen schönen Feiertag

    Gabriele

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  14. Nun, Damen fragt man wirklich nicht nach ihrem Alter. Aber deine Freundin sieht dann doch noch ein weing betagter aus als meine :-)!

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